COCA - DIE TAUBE AUS TSCHETSCHENIEN
COCA: DIE TAUBE VON TSCHETSCHENIEN
Schweiz 2005; Regie: Eric Bergkraut; Schauspieler: Zainap Gashaeva; Produzent: Rose-Marie Schneider; Musik: Marie-Jeanne Serrero; 86 Min. Ohne Altersbeschränkung
Europa und sein verleugneter Krieg Ein Film von Eric Bergkraut "Coca" nannten ihre Eltern Sainap Gaschaiewa - die Taube. Geboren in der Verbannung in Kasachstan, wurde sie Geschäftsfrau und zog vier Kinder gross. Seit 1994 dokumentiert sie, was in ihrer Heimat täglich geschieht: Verschleppung, Folter, Mord. Was Präsident Putin zur "antiterroristischen Aktion" erklärt, hat Züge eines Völkermordes angenommen. Bis zu dreissig Prozent der tschetschenischen Bevölkerung könnten getötet worden sein. Die Weltöffentlichkeit schweigt, sei es aus Unwissen, Hilflosigkeit oder Opportunismus. Zusammen mit anderen Frauen hat Sainap Gaschaiewa hunderte Video-Kassetten versteckt. Jetzt will sie diese nach Westeuropa schaffen. Sie hofft, dass es zu einem Tribunal kommt und die Schuldigen bestraft werden - auf welcher Seite sie auch stehen. Ein Kampf gegen Windmühlen? Anmerkungen des Regisseurs "Erst in 20 Jahren wird meine Arbeit Früchte tragen, erst dann wird man sich dafür interessieren, was in Tschetschenien am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts geschehen ist", sagt Sainap Gaschaiewa an einer Stelle, die ich im Film schliesslich nicht montiert habe. Vielleicht hat sie recht. Wer nimmt heute schon zur Kenntnis, dass seit 1994 20 bis 30 Prozent der Tschetscheninnen und Tschetschenen getötet worden sein könnten? Zug um Zug habe ich begriffen, welche Dimension dieses Drama hat. Und festgestellt, dass es dem Kreml im Laufe der Jahre weitgehend gelungen ist, die Teilrepublik Tschetschenien zu einer geschlossenen Zone zu machen. Im Bestreben, beide Seiten zu verstehen, konnte ich dem Justizminister der russischen Föderation ein paar Fragen stellen: Wie würden Sie einem Kind in drei Sätzen den Konflikt um Tschetschenien erklären? Er brauche dazu nur zwei Worte, erklärte der Minister: "Internationaler Terrorismus". Diese "Analyse", an welcher der Kreml krampfhaft festhält, kostet täglich neue Menschenleben - unter Tschetschenen, wie auch unter föderalen russischen Soldaten. "Putin, pass auf, die Ukraine ist nicht Tschetschenien", stand neulich auf einem Plakat, das auf einer Demo in Kiew hochgehalten wurde. Es ist bemerkenswert, welche Dynamik die Vorgänge in der Ukraine ausgelöst haben. Plötzlich wurden westliche Politiker wegen ihrer Loyalität zu Putin angegriffen. Als gäbe es kein Tschetschenien, wo die Wahlen in geradezu grotesker Weise manipuliert werden… Wo jahrelang Willkür herrschte und keine internationalen Beobachter auch nur minimalen Schutz garantieren konnten… Wo Bürger von Maskierten ermordet werden können, weil sie sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewendet haben. Viele Tschetschenen bezeichnen als Staatsterrorismus, was die föderale Zentralmacht in den letzten Jahren getrieben hat. Gleichzeitig verurteilt etwa Sainap Gaschaiewa, die Protagonistin des Filmes, mit aller Vehemenz terroristische Attacken von tschetschenischer Seite. Ich habe keine Tschetschenin kennengelernt, keinen Tschetschenen, die über menschenverachtende Aktionen wie die Geiselnahme von Beslan auch nur einen Hauch von Freude empfunden hätten, im Gegenteil. Schliesslich bezahlen sie jede dieser Attacken mit neuen kollektiven Diskriminierungen. Das heisst nicht, dass die Tschetschenen Engel wären. Der Krieg wird auch auf ihrer Seite mit äusserster Grausamkeit geführt. Auch auf ihrer Seite gibt es Kräfte, die den Krieg weiterführen, weil er ihnen nützt. Vieles spricht dafür, dass die Politik des Kreml in den letzten Jahren sowohl den Terrorismus wie den Islamismus entscheidend gefördert hat. Dabei könnte es eine politische Lösung für diesen Konflikt geben: Tschetschenische Autonomie innerhalb russischer Staatsgrenzen mit internationalen Garantien. Aber dazu bräuchte es eine andere Analyse, als jene von Putin/Tschaika. Es bräuchte Selbstkritik statt Zynismus, Respekt statt kolonialistischem Gehabe. Ich wünschte, der deutsche Kanzler, der französische Präsident und der britische Premier würden Bücher oder Artikel aus ihren Ländern lesen, die "Der Krieg im Schatten" (Florian Hassel), "La guerre qui n'aur
Der Film lief zuletzt am 02.03.2006.
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