DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI

Deutschland/Österreich 2004; Regie: Hans Weingartner; Drehbuch: Katharina Held; Kamera: Matthias Schellenberg; Schauspieler: DarstellerDaniel Brühl (Jan), JuliaJentsch (Jule), Stipe Erceg (Peter), Burghart Klaußner (Hardenberg); Musik: Andreas Wodraschke; 124 Min., OF Deutsch

Weingartner bekam einen Anruf aus Paris von Thierry Frémaux, dem Festivalleiter von Cannes. Er habe den Rohschnitt des Films gesehen und sei begeistert. Er wolle den Film gern im Wettbewerb um die Goldene Palme zeigen, falls Weingartner sich durchringen könne, den Anfang etwas zu kürzen. Die meisten Jungregisseure der Welt hätten keinen Augenblick gezögert, aber Weingartner erklärte schlicht, das komme nicht in Frage – und überzeugte den Franzosen, den Film auch ohne Änderung zu akzeptieren. ›Er ist ein sturer Bergmensch‹, soll Frémaux hinter den Kulissen bemerkt haben, ›aber das bin ich schließlich auch.‹ Und so wurde, wie die Presse jubelte, ein 11-jähriger Bann gebrochen und endlich wieder ein deutscher Film in Cannes zum Wettbewerb zugelassen – sagen wir einmal ein deutsch-österreichischer, was den Vorarlberger Hans Weingartner eher kalt lässt. Das ›Nationen-Tamtam‹ habe er beim Film noch nie verstanden.
Weingartners Film erzählt von drei jungen Menschen in Berlin, die nicht mehr ans Demonstrieren glauben, aber doch politisch aktiv werden möchten. Jan, Peter und Jules sind durchdrungen von einer unbestimmten Wut auf alles. Zu Hause in der WG wird über die Globalisierung, die Bonzen und die Verhältnisse überhaupt geschimpft. Nachts formieren sich die drei zu einer Art Individualguerilla, brechen in die Villen der reichen Zehlendorfer ein und arrangieren die Einrichtung zu antikapitalistischen Installationen: Möbeltürme im Wohnzimmer, Stereoanlage im Gefrierschrank, Porzellanfigürchen in der Kloschüssel. Zurück bleibt ein Zettel: ›Die fetten Jahre sind vorbei‹, unterschrieben mit ›die Erziehungsberechtigten‹.
Nach ein bisschen antikapitalistischem Spaß gerät das Trio aber ins Schlamassel. Die Dinge verkomplizieren sich, als Jule, Peters Freundin, sich in Jan verliebt. Eines Abends bricht Jan mit Jule in die Villa von Hardenberg ein, dem Mann für dessen Auto Jule durch einen Unfall 100.000 Euro abbezahlen muss. Als der Hausherr unerwartet auftaucht, wird er von den Dreien kurzer Hand in eine Tiroler Berghütte entführt. Es kommt zu einem Generationenclash zwischen den jungen Rebellen von heute und dem Millionär, der 1968 auch an den Studentenprotesten beteiligt und mit Rudi Dutschke befreundet war.
Die Dialoge werden bei Weingartner improvisiert. Oder er schreibt sie kurz vorher, arbeitet sie mit den DarstellerInnen um und dreht dann. Überraschend komisch und mit hervorragenden SchauspielerInnen verknüpft Weingartner in spannenden Gesprächen ein Porträt zweier Generationen mit einer Dreiecksgeschichte um zwei Jungs, die sich um ein Mädchen streiten. Der Film stellt Fragen über die Überlebensfähigkeit von Idealen und über die Schwierigkeit, heutzutage politisch zu rebellieren, wo mittlerweile sogar Che Guevara T-Shirts vom Establishment einverleibt worden sind. ›Was früher subversiv war, kannst du heute im Supermarkt kaufen‹, sinniert Jan.
›Der Film hat viel mit den letzten zehn Jahren meines Lebens zu tun, in denen ich mehrfach versucht habe, politisch aktiv zu werden und mehrfach gescheitert bin.‹, stellt der Regisseur bedauernd fest. ›Ich wollte immer Teil einer Jugendbewegung sein, aber ich habe nie wirklich eine gefunden.‹ Weingartner, der vor seiner Ausbildung an der Kölner Hochschule für Medien Physik und Neurochirurgie studiert hatte, konnte bereits mit seinem Debüt DAS WEISSE RAUSCHEN (2002) zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Max-Ophüls-Preis, gewinnen. Nun, bei DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI, greift er auf das Modell seines Erfolgs zurück und beschränkt sich auch diesmal auf kleine Sets, setzt kaum künstliches Licht ein, arbeitet mit flexibler Digitaltechnik und richtet seine absolute Konzentration auf seine hervorragenden Schauspieler.
›Eigentlich geht es in DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI um zwei urfranzösische Themen: erstens die Revolution, zweitens eine Dreiecksgeschichte. Kein Wunder, dass Cannes darauf angesprungen ist.‹ (Hans Weingartner)

Der Film lief zuletzt am 09.12.2007.

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