DOGVILLE
Dänemark/Frankreich/Norwegen/Niederlande/Schweden 2002; Regie: Lars von Trier; Drehbuch: Lars von Trier; Kamera: Anthony Dod Mantle; Schauspieler: Nicole Kidman, Harriet Andersson, Lauren Bacall, Jean-Marc Bar, James Caan, Ben Gazzara; Produzent: Vibeke Windeløv; Musik: Per Streit; 177 Min.
Die junge, bildschöne Grace ist in der Depressionszeit auf der Flucht vor einer Gangsterbande. In der isolierten Berggemeinde Dogville in den Rocky Mountains findet sie Zuflucht. Unterstützt von dem jungen Idealisten und Schriftsteller Tom, dem selbst ernannten Sprecher des Städtchens, wird Grace von der kleinen Gemeinde aufgenommen und vor ihren Häschern versteckt. Als Gegenleistung erklärt sich Grace bereit, jedem Einzelnen in der Stadt bei der Arbeit zur Hand zu gehen: bei der Pflege des Gartens, bei der Apfelernte, bei der Kindererziehung. Die Idylle währt jedoch nur kurz. Denn als ein Suchtrupp in Dogville nach Grace forscht und von den Bürgern wieder weggeschickt wird, verlangen die Bewohner von Dogville ein höheres Entgelt für ihr Risiko, einer Flüchtigen Unterschlupf zu gewähren. Grace wird von einer fröhlichen Bereicherung immer mehr zu einer Sklavin, die als Arbeitskraft und sexuell ausgebeutet wird. In Lumpen und Ketten, mit mattem Blick und gebrochenem Hauchen erduldet und verzeiht die Geschundene alles, bis schließlich am Ende die Gangster im Dorf erscheinen und Grace ihr gefährliches Geheimnis lüftet...! Mit dem von ihm initiierten kinematografischen Keuschheitsgelübde Dogma 95, also dem selbstauferlegten Verzicht auf künstliches Licht, Musik, Stativ etc., wurde der dänische Regisseur Lars von Trier (BREAKING THE WAVES, IDIOTEN, DANCER IN THE DARK) gleichsam zum Anführer eines prägenden Filmstils. Mit seinem neuesten, dreistündigen Werk DOGVILLE geht Trier in der Reduzierung der filmischen Mittel noch einen radikalen Schritt weiter. Der Film spielt zur Gänze in einer Bühnenkulisse, die aussieht wie eine Mischung aus einem unfertigen Bühnenset und einer Sprech- und Kostümprobe, wiedergegeben so direkt wie möglich von einem Filmteam und einer wackeligen Kamera. In einer großen Halle sind die Grundrisse eines Dorfes aufgemalt, einige sparsame Requisiten liefern Markierungen für die Lebensweisen und Beziehungen der Bewohner. Den Rest, wie zum Beispiel Türen und Fenster, muss man sich denken. DOGVILLE ist Lehrstück- und Regietheater, ein Film, der u.a. vom Theater Bertolt Brechts inspiriert ist. Das Rachethema erinnert etwa an die "Piraten-Jenny", einem Lied aus der DREIGROSCHENOPER. Nicole Kidman als Grace brilliert in einer für Trier sehr typischen weiblichen Selbstaufopferungsrolle, unterstützt wird sie von einem Ensemble, dem u.a. altgediente Hollywood-Stars wie Lauren Bacall, James Caan und Ben Gazzara angehören. Am Ende, beim Abspann zeigt der Film Fotos vom elenden Amerika, dazu singt David Bowie "Young Americans". Und aus der allgemein menschlichen Metapher wird für einen Moment eine Anklage gegen Amerika. DOGVILLE ist Kino, das den Zuseher fordert. Aber diejenigen, die "nicht davor Angst haben, dass es in diesem Film lediglich einen schwarzen Boden mit ein paar Schauspielern drauf zu sehen gibt" (Lars von Trier), können ein kleines Wunder erleben. "DOGVILLE", schreibt Georg Seeßlen in EPD-FILM, "ist ein cineastisches Meisterwerk, ein Kino, das an den Grenzen der Bilder beginnt, ein Sichtbarmachen durch das Verschwinden-lassen. Lars von Trier macht mit dem Kino, was Kandinsky mit der Malerei macht, Robert Walser mit der Literatur und Captain Beefheart mit dem Blues."
Der Film lief zuletzt am 17.02.2006.
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