ZUR LAGE
Österreich 2002; Regie: Barbara Albert, Michael Glawogger, Ulrich Seidl, Michael Sturminger; Drehbuch: Barbara Albert, Michael Glawogger, Ulrich Seidl, Michael Sturminger; Kamera: Michael Glawogger, Ulrich Seidl, Eva Testor; Schauspieler: Dieter Chmelar, Birgit Reiter, Elisabeth Löffler, Andreas Bader, Josef Brauchart, Gertrude und Friedrich Schmeister; 85 Min., 35mm; Farbe; 85min, OF Ohne Altersbeschränkung
Wie kann man filmisch auf die politische Entwicklung in Österreich reagieren? Dieser Frage gingen Anfang 2000, nach Bildung der blau-schwarzen Regierung, die Filmschaffenden Barbara Albert, Michael Glawogger, Ulrich Seidl und Michael Sturminger nach. Sie haben quer durch das Land Mikrokosmen gesucht und Menschen gefunden, bei denen sich Privates und Politisches mischt. Die Ansätze sind dabei so unterschiedlich wie die Filmemacher selbst: Vier RegisseurInnen, vier Blicke und viele Wirklichkeiten. Eröffnet wird die Spurensuche ZUR LAGE mit einer Reise ins Landesinnere.
Michael Glawogger hat als Autostopper Österreich in 23 Tagen umrundet - auf Bundesstraßen und meist der Grenze entlang. Er hat Gespräche geführt, Fragen gestellt oder einfach nichts gesagt. Es wurde viel gesprochen - über die neue Regierung, die Monarchie, die EU, Jörg Haider, Schafe, Rinder und fremde Strände. Privates fügte sich zu Politischem, und so hatte plötzlich Nasenbluten mit dem Euro oder Verlassenwerden mit der Wertigkeit der Familie in der Gesellschaft zu tun.
Barbara Albert hat Frauen, insbesondere Arbeiterinnen und Alleinerzieherinnen, zu ihrem Hauptthema gemacht. Die Protagonistinnen dabei sind u.a. eine Merkur-Markt-Verkäuferin, eine junge arbeitslose Schneiderin, die eine Tochter mit einem Afrikaner hat, eine Frau, die ihre Lehre als Bürokauffrau abbrechen musste, weil sie mit 17 schwanger wurde, zwei Österreicherinnen türkischer Herkunft und eine Alleinerzieherin, die von der FPÖ überzeugt ist. Barbara Albert: "Ich wollte sehen, wie Frauen in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen ihren Alltag bewältigen und wie sich daraus Meinungen und politische Überzeugungen entwickeln."
Ulrich Seidl beschäftigt sich in seinem Beitrag mit den Ängsten so mancher Österreicher und mit Alltagsrassismus. Allen voran liefert er das Porträt eines notorischen "Kronen Zeitung"-Leserbriefschreibers, der in seinem Einfamilienhaus verschanzt mehr Moral und Kontrolle von der Obrigkeit einfordert.
Michael Sturminger schließlich machte Hausbesuche bei österreichischen Familien. Mit einem kleinen Filmteam verfolgte er den prominenten TV-Moderator Dieter Chmelar in die heimischen Wohnzimmer. Dabei fand er Großeltern und Teenager, Eltern und Kinder, die sich eigentlich nicht für Politik interessieren, dann aber doch über Religion, Geschichte, Autorität und das Verhältnis zum Ausland sprechen wollen.
Das Politische steht in diesem Dokumentarfilm zwar im Vordergrund, wird aber meist eher nebenbei - über Umwege ins Private - aus den Aussagen herausgefiltert. Auf diese Weise gestaltet sich ZUR LAGE zu einer - über spontane Aktionen hinausgehende - Bestandsaufnahme Österreichs nach der so genannten schwarz-blauen Wende. Ulrich Seidl: "ZUR LAGE ist ein Film, der sich nicht mit der Regierung befasst, sondern mit den Regierten: mit Österreich und seinen Österreichern."
Der Film lief zuletzt am 05.07.2002.
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